Märchenteller DDR
Rotkäppchen am Tellerrand, der Wolf lauert zwischen zwei Löffeln Grießbrei: Der Märchenteller machte das Aufessen in der DDR zur kleinen Erzählstunde. Wer den Teller leer bekam, sah endlich, wie die Geschichte ausging.
Warum jedes DDR-Kind seinen Märchenteller kannte
Der Märchenteller war weit mehr als Geschirr. Er war eine List mit gutem Zweck: Am Boden oder rund um den Rand prangte eine Szene aus einem bekannten Märchen, meist aus der Sammlung der Brüder Grimm. Solange Suppe, Brei oder Kartoffeln den Teller bedeckten, blieb das Bild verborgen. Erst wer brav aufaß, bekam Rotkäppchen, den Froschkönig oder das tapfere Schneiderlein in voller Pracht zu sehen. Generationen von Eltern nutzten diesen Trick, um mäkelige Esser an den Tisch zu bekommen.
Die Motive stammten fast immer aus dem festen Kanon deutscher Volksmärchen: Hänsel und Gretel vor dem Knusperhäuschen, Schneewittchen mit den sieben Zwergen, der Wolf und die sieben Geißlein, Aschenputtel am Herd. Diese Geschichten gehörten in der DDR zum kulturellen Grundstock, wurden vorgelesen, im Kino der DEFA verfilmt und eben auf Kindergeschirr gedruckt. Der Teller verband so Alltag, Erziehung und Erzähltradition auf kleinstem Raum.
Kahla, Colditz und das Porzellan aus Thüringen
Ein großer Teil des DDR-Kindergeschirrs kam aus den traditionsreichen Porzellanregionen Thüringens und Sachsens. Der VEB Vereinigte Porzellanwerke Kahla war einer der bekanntesten Hersteller von Gebrauchsporzellan im Land und belieferte Kaufhallen, HO und Konsum flächendeckend. Auch aus Colditz und weiteren volkseigenen Betrieben stammten Kinderteller, teils aus Porzellan, teils aus dem robusteren Steingut. Wer sich für die Geschichte dieser Manufakturen interessiert, findet mehr dazu im Überblick über DDR Porzellan.
Die Dekore wurden meist als Abziehbilder unter oder auf die Glasur gebracht. Unterglasurdekore sind besonders widerstandsfähig, weil die Farbe von einer schützenden Glasurschicht überzogen ist und im Spülwasser kaum leidet. Aufglasurmotive wirken oft kräftiger und detailreicher, nutzen sich mit den Jahren aber stärker ab. Neben Porzellan tauchten in den späteren Jahrzehnten auch Märchenmotive auf Emaille- und sogar Plastegeschirr auf, denn Plaste gehörte zum modernen Haushalt der DDR einfach dazu.
Vom Kindergeschirr zum gesammelten Erinnerungsstück
Der Märchenteller war fester Bestandteil des klassischen Kindergedecks, zu dem oft auch eine passende Tasse und ein tiefer Teller für Brei und Suppe gehörten. Ein solches Set begleitete das Kind vom Breialter bis in die Grundschulzeit und wurde nicht selten an jüngere Geschwister weitergereicht. Genau deshalb sind gut erhaltene Exemplare heute so beliebt: Sie tragen die Gebrauchsspuren echter Kindheiten.
Heute stehen die Teller weniger auf dem Esstisch als im Regal, an der Wand oder in der Vitrine. Sie passen zu einer ganzen Welt an Ostalgie-Objekten fürs Kinderzimmer und die Küche, vom bunten Kinderteller aus DDR-Produktion bis zum robusten DDR Teller für den Alltag. Als Deko, als Geschenk für ehemalige DDR-Kinder oder als kleines Familienerbstück haben sie ihren Platz längst neu gefunden.
Worauf du beim Kauf achten solltest
Beim Stöbern nach einem Märchenteller lohnt ein genauer Blick, denn Zustand und Herkunft bestimmen Wert und Freude am Stück:
- Bodenmarke prüfen: Ein Stempel auf der Unterseite verrät oft den Hersteller, etwa Kahla oder Colditz. Er hilft, ein echtes DDR-Erzeugnis von späteren Nachbildungen zu unterscheiden.
- Motiv und Zustand: Achte darauf, ob das Märchenbild noch klar und farbfrisch ist. Abgeriebene, verblasste oder teilweise fehlende Dekore mindern den Sammlerwert deutlich.
- Risse und Abplatzer: Haarrisse in der Glasur (Krakelee) und Abplatzer am Rand sind bei altem Gebrauchsgeschirr häufig. Bei Tellern, die noch benutzt werden sollen, sind sie ein hygienisches Ausschlusskriterium.
- Material erkennen: Porzellan klingt beim Anschlagen hell, Steingut dumpfer. Beides wurde verarbeitet, Porzellan gilt in der Regel als hochwertiger.
- Komplett oder einzeln: Ein erhaltenes Set aus Teller, Tasse und Schale ist seltener und meist begehrter als das lose Einzelstück.
Wer den Teller nur als Deko möchte, kann bei kleinen Alterspuren großzügig sein. Sie gehören zur Geschichte des Stücks dazu und machen den Charme dieser Kindheitserinnerungen erst aus.
Häufige Fragen
Welche Märchen waren typisch auf DDR-Märchentellern? +
Meist Motive aus der Sammlung der Brüder Grimm: Rotkäppchen, Hänsel und Gretel, Schneewittchen, der Froschkönig, Aschenputtel sowie der Wolf und die sieben Geißlein. Diese Geschichten gehörten in der DDR zum festen Erzähl- und Vorlesekanon.
Wer stellte Märchenteller in der DDR her? +
Ein Großteil kam aus den volkseigenen Porzellanwerken Thüringens und Sachsens, allen voran der VEB Vereinigte Porzellanwerke Kahla sowie Betriebe in Colditz. Verkauft wurde das Geschirr über HO, Konsum und die Kaufhallen.
Woran erkenne ich ein echtes DDR-Exemplar? +
Die Bodenmarke auf der Unterseite ist der wichtigste Hinweis. Herstellerstempel wie Kahla oder Colditz, dazu Unterglasurdekore und typische Grimm-Motive sprechen für ein originales DDR-Erzeugnis aus volkseigener Produktion.
Kann man alte Märchenteller noch benutzen? +
Gut erhaltene Porzellanteller ohne Risse und Abplatzer lassen sich weiter verwenden. Bei Haarrissen, abgeplatzten Rändern oder stark abgeriebenen Aufglasurdekoren ist die Nutzung als reines Sammel- oder Dekostück die bessere Wahl.